‘Vater unser’ – in Luthers eigen handschrift

Luthers eigen melodie voor het ‘Vater unser’

In dit handschrift (Bibliotheek – Berlin) van Luther ziet u hoe hij bezig is geweest met de tekst van het ‘Vater unser’ en hoe met name het 6de couplet (Vergeef ons onze schulden) blijkbaar maar niet lukken wilde. Veel doorhalingen… Tenslotte is hij opnieuw – maar anders – begonnen. In de lege ruimte na het laatste vers staat het couplet zoals wij het kennen. En verder, heel uniek, een melodie ook in Luthers handschrift die hij zelf gemaakt, maar ook weer verworpen heeft . Onder de afbeelding – in het het Duits – meer over dit unieke handschrift (afkomstig uit het privébezit van van dhr. Härtel, inderdaad de muziekuitgever: Breitkoff & Härtel… ). Deze link leidt u naar de bron van het artikel.

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539. Autograph, Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Mislukte tekst van strofe 6 (ong. het resultaat na veel doorhalingen – deel van het vers overgeschreven onder de doorhalingen)Nieuwe versie van strofe 6 (‘Aliud’)
onder de geschrapte melodie.
(zo te zien ‘aus einem Guss’ deze keer)
Vergib uns Herr all unser sund
Der on zal und mas viel sind
Wolst Herr uns die nicht rechen zu
Nach deim gericht nicht mit ons thu
Verzeych uns alles gnediglich
Als wir thun andern williglich
All unser schuld vergib uns herr
Daß sie uns nicht betrüben mehr
Wie auch wir unsern schuldigern
yhr schuld und feyl vergeben gern
Zu dienen mach uns all bereit
ynn rechter lieb und einigkeit.

 

De geschrapte melodie (transcriptie uit Markus Jenny, “Luthers Lieder”, p. 295)

 

 

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer (website Bibliothek Berlin)

Der Gemeindegesang gehörte zu den wesentlichen Neuerungen des protestantischen Gottesdienstes. Während bisher die Gläubigen den Worten des Priesters während der Messe und der Eucharestiefeier lauschten und nur im Rahmen der Liturgie einmal respondierten, weist ihnen Martin Luther mit Gebet und Lobgesang eine aktive Rolle im Gottesdienst zu. Für ihn war der Gemeindegesang von großer Bedeutung für die religiöse Unterweisung der Gläubigen. Hier konnten sie sich ihrer selbst und ihres Glaubens versichern. So brachte Luther seine eigene Liebe zur Musik – er war ein begeisterter Sänger und Lautenspieler ‑ in die 1523 begonnene Reform des Gottesdienstes ein. Rund 40 Lieder schrieb er seit 1523/24, wobei er häufig an alte Hymnen und Antiphonstrophen anknüpfte.

Immer noch im Dunkeln aber liegt, inwieweit Luther seine Verse auch mit Melodien versah. Die oft zunächst auf Flugblättern verbreiteten Lieder haben immer wieder unterschiedliche Melodien, was vermuten lässt, dass sie aus der Feder von Musikern aus dem Umfeld der Drucker stammten. Daneben unterstützte auch der Hofmusiker und Kantor aus Torgau Johann Walter Luther in musikalischen Fragen.

Dennoch gibt es an der Staatsbibliothek ein Zeugnis, das Luther als Liedautor und Komponist zeigt: das Autograph seines Vaterunser-Liedes. Es stammt aus der privaten Sammlung des Mitinhabers des Musikverlags Breitkopf und Härtel, Hermann Härtel (1803-1875), die 1969 von der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz erworben wurde. Auf dem stark beschnittenen Blatt schrieb Luther sein Lied nieder und versuchte gleichzeitig eine Melodie zu skizzieren, die er aber bereits hier als für den Gesang untauglich erkannt und energisch durchgestrichen hat. Das heutige evangelische Kirchengesangbuch nennt neben Luther auch den Tischsegen des Mönchs von Salzburg und eine Melodie aus dem Gesangbuch der Böhmischen Brüder von 1531 als Quellen für die Musik, und ein Vergleich der Melodien bestätigt die Ähnlichkeit.

 

Die Niederschrift der Verse mag nicht der erste Entwurf Luthers sein, aber das Blatt zeigt, wie intensiv der Reformator am Text gearbeitet hat. Besonders die sechste Strophe hat er immer wieder neu formuliert und sie auf der zweiten Seite noch einmal in der neuen Fassung ins Reine geschrieben. In neun Strophen werden neben der Anrede und dem abschließenden „Amen“ die sieben Bitten des Vaterunser in einer je eigenen Strophe benannt und ausgelegt. Die Strophen sind mit ihren sechs paargereimten vierhebigen Jamben als Volksliedstrophen ausgewiesen, d.h. sie sind gut sangbar und leicht zu merken.

Das Vaterunser-Lied ist eines der acht Katechismus-Lieder Luthers, in denen Luther seine Christenlehre in Lieder und Musik übertrug und so die Glaubensinhalte memorierbar machte, so dass sie sich in das Gedächtnis der Gläubigen einschrieben. Damit ergänzt er lyrisch-musikalisch seine Arbeiten am Katechismus, der 1529 in Wittenberg als Deudsch Catechismus (Der große Katechismus) und Enchiridion (Der kleine Katechismus) erschien. Hier stellt er die zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, sowie die Taufe und das Abendmahl (mit Beichte) dar und legt sie im Sinne der evangelischen Glaubenslehre aus. Der Kleine Katechismus ist bis heute Teil der evangelischen Gesangbücher.

Luther verfasste die hier vorgestellten Verse zwischen 1538 und 1539. Sie wurden zunächst als Einblattdruck unter dem Titel „Das Vater vnser kurtz ausgelegt, vnd jnn Gesang weyse gebracht“ 1539 veröffentlicht wurden. Ein Exemplar des Liedflugblatts befindet sich noch in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB). Im gleichen Jahr erschien das Lied mit der heute noch gesungenen Melodie in dem von Valentin Schumann herausgegebenen und gedruckten Gesangbuch „Geistliche lieder, auffs new gebessert und gemehrt, zu Wittenberg. Leipzig: Valentin Schumann, 1539“.