Von ordenung gottis diensts (1523)

Luther, Martin

– Von Ordnung Gottesdiensts in der Gemeinde (moderne orthographie) – see below
Von ordenung gottis diensts ynn der gemeyne (original text) (scans)

Original transcript – text (Wittenberg 1524)

Der Gottis dienst der itzt allenthalbe gehet / hatt eyn Christliche feyne ankunfft gleych wie auch das predigampt. Aber gleych wie das predigampt verderbt ist / durch die geystliche tyrannen / also ist auch der gottis dienst verderbt durch die heuchler / Wie wyr nu das predigampt nicht abethun / sondern widder ynn seyn rechten stand begeren hu brengen / so ist auch nicht vnser meynung / den gottis dienst auff zuheben / sondern widder ynn rechten schwang tzu bringen.

Drey grosse mißbreuch sind ynn den gottis dienst gefallen / Der erst / das man gottis wort geschwygen hat / vnd alleyne geleßen / vnd gesungen ynn den kirchen / das ist der ergiste mißbrauch / Der ander / da Gottis wort geschwygen gewesen ist / sind neben eyn komen / so viel vnchristlicher fabeln / vnd lugen / beyde ynn legenden / gesange vnd predigen / das greulich ist tzu sehen. Der dritte / das man solchen gottis dienst / als eyn werck than hatt / da mit gottis gnade vnd selickeyt zur werben / da ist der glaub vntergangen / vnd hatt yderman zu kirchen geben / stifften / pfaff / munch vnd nonnen werden wollen.

Nu diße mißbreuch abtzuthun / ist auffs erst tzu wissen / das die Chrristlich gemeyne nymer soll zu samen komen / es werde denn da selbs Gottis wort gepredigt vnd gebett / es sey auch auffs kurtzist. Wie Psalm. 101. Wenn die konige vnd das volck tzu samen kompt gott tzu dienen / sollen sie Gottis namen vnd lob verkundigen / Vnd Paulus .1. Corin. 14 spricht das ynn der gemeyne soll geweyssagt / gelert vnd ermanet werden. Darumb wo nicht gotts wort predigt wirt / ists besser das man widder singe noch leße / noch zu samen kome.

Also ists aber tzu gangen vnter den Christen tzur tzeyt der Apostel / vnd sollt auch noch so tzu gehen. Das man teglich des morges eyne stunde frue umb vier odder funffe tzu samen keme / vnd daselbs lesen liesse / es seyen schuler odder priester / odder wer es sey / gleych wie man itzt noch die Lection ynn der Metten ließet / das sollen thun / eyner odder tzween / odder eyner vmb den andern / odder eyn Chor vmb den andern / wie das am besten gefellet.

Darnach soll der Prediger odder welchem es befolhen wirt / er fur tretten / vnd die selb lection eyn stuck aus legen / das die andern alle verstehen / lernen vnd ermanet werden / Das erst werck heyst Paulus .1. Cori. 14 mit zungen reden. Das ander / aus legen odder weyssagen / vnd mit dem synn odder verstand reden. Vnd wo dis nicht geschicht / so ist die gemeyne der lectin nichts gebessert / wie bis her ynn flostern vnd stifften geschehen / da sie nur die wende haben angeblehet.

Diße Lection soll aber seyn aus dem alten Testament / nemlich das man eyn buch für sich neme / vnd eyn Capitel odder tzwey / odder eyn halbes leße / bis es aus sey / dar nach eyn anders fur nemen / vnd so fort an / bis die gantze Biblia aus gelesen werde / vnd wo man sie nicht verstehe / das man fur uber fare / vnd got ehre. Also das durch tegliche vbunge der schrifft / die Christen ynn der schrifft verstendig / leuffig vnd kundig werden / Denn daher wurden vortzeytten gar feyne Christen / iungfrawen vnd merterer / vnd sollten wol auch noch werden.

Wenn nu die Lection vnd auslegung eyn halb stund odder lenger geweret hatt / soll man drauff yn gemeyn got dancken / loben / vnd bitten vmb frucht des Worts. &c. Dazu soll man brauchen der psalmen / vnd ettlicher gutten Respösoria / Antiphon / kurtz / also / das es alles ynn eyner stund ausgerichtet werde / odder wie lange sie wollen / denn man mus die seelen nicht uberschutten / das sie nicht mude vnd vberdrussig werden / wie bis her ynn klostern vnd stifften sie sich mit esels erbeyt beladen haben.

Desselben gleychen an dem abent / vmb sechs odder funffe widder also tzu samen. Vnd hie sollt aber aus dem altem Testament eyn buch nach dem andern furgenomen werden / nemlich die Propheten / gleych wye am morgen Moses vnd die historien. Aber weyl nu / das newe Testament auch eyn buch ist / las ich das alte Testament dem morgen / vnd das newe dem abent / odder widderumb vnd gleych also lesen / aus legen / loben / singen vnd beten / wie am morgen / auch eyn stund lang. Den es ist alles zuthun vmb gottis wort / das daffelb ym schwäg gehe / vnd die seelen ymer auffrichte vnd erquicke / das sie nicht lassz werden.

Will man nu solch versamlung des tags noch ein mal hallten nach essens / das stehe ynn freyer wilkore.

Auch ob solchs tegliches gottis diensts villeicht nicht die gantze versamlunge gewartten künde / sollen doch die priester vnd schuler vnd tzuvor die ienigen / so man verhofft gutte Prediger und seelsorger aus zu werden / solchs thun. Vnd das man sie ermane solchs frey nicht aus tzwang / odder unlust / nicht vmb lohn tzeytlich noch ewig / sondern alleyne gott tzu ehren / den nehisten tzu nutz tzu thun.

Des sontags aber soll solch versamlung für die gantzen gemeyne geschehen / vber das tegliche versamlen des kleynern hauffen / vnd da selbs / wie biß her gewonet Messz vnd Vesper singen / also das man zu beyder tzeytt predige der gantzen gemeyne / des morgens das gewonlich Euangelion / des abents die Epistel / odder stehe bey dem Prediger / ob er auch eyn buch fur sich neme odder tzwey / wie yhn dunckt das nutzist seyn.

Will nu yemand als dann das sacrament empfahen / dem laß mans geben / wie man das alles wol kan vnternander nach gelegeheyt der zeyt vnd Person schicken.

Die teglichen messen sollen abseyn allerdinge / denn es am wort / vnd nicht an der messen ligt / Doch ob ettlich ausser dem sontag begerten das sacrament / so hallt man messe / wie das die andacht vnd tzeyt gibt / denn hie kan man keyn gesetz noch tzill setzen.

Das gesenge ynn den sontags messen vnd vesper las man bleyben / denn sie sind fast gutt / vnd aus der schrifft getzogen / doch mag mans wenigern odder mehren. Aber das gesenge vnd psalmen teglich des morgens vnd abents zu stellen soll des pfarres vnd predigers ampt seyn / das sie auff eyn iglichen morgen eyn Psalmen / eyn feyn Responsorion odder Antiphen mit eyner Collecten ordenen. Des abents auch alßo / nach der Lection vnd auslegung offentlich zu lesen vnd zusingen. Aber die Antiphen vnd Responsoria vnd Collecten / legenden von den heyligen / vnd vom creutz / laß man noch eyn tzeyt stille ligen / bis sie gefegt werden / denn es ist greulich viel vnflatts drynnen.

Aller heyligen fest sollten ab seyn / odder wo eyn gutte Christliche legende were / auff den Sontag nach dem Euangelio zum exempel mit eyn gefurt werden. Doch das fest Purificationis / Annunciationis Marie ließ ich bleyben / Assumptionis vnd Natiuitatis mus man noch eyn tzeytlang bleyben lassen / wie wol der gesang drynnen nicht lautter ist. Johannis Baptiste fest ist auch reyn. Der Apostel legend ist keyne reyn / on. S. Pauli / drumb mag man sie auff die Sontage tzyhen / odder so es gefelt / sonderlich feyren.

Anders mehr wirt sich mit der tzeyt selb geben / wenn es angehet. Aber die Summa sey die / das es ia alles geschehe / das das wort ym schwang gehe / vnd nicht widderumb eyn loren vnd dohnen draus werde / wie bis her gewesen ist. Es ist alles besser nach gelassen / denn das wort. Vnd ist nichts besser getrieben denn das wort / denn dz das selb sollt ym schwang vnter den Christen gehen / tzeygt die gantze schrifft an / vnd Christus auch selb sagt / Luce.x. Eyns ist von notten. Nemlich das Maria tzu Christus fussen sitze vnd hore seyn wort teglich / das ist das beste teyl / das zurwelen ist / vnd nymer weg genomen wirt. Es ist eyn ewig wort / das ander mus alles vergehen / wie viel es auch der Martha zuschaffen gibt. Datzu helff vns gott. Amen.

modernisierte Orthographie (incl. Idiom)

Der Gottesdienst, der jetzt allenthalben im Gang ist, hat eine feine christliche Herkunft, wie auch das Predigtamt. Aber wie das Predigtamt verderbt ist durch die geistlichen Tyrannen, so ist auch der Gottesdienst verderbt durch die Heuchler. Wie wir nun das Predigtamt nicht abtun, sondern wieder in seinen rechten Stand zu bringen begehren, so ist es auch nicht unsere Absicht, den Gottesdienst aufzuheben, sondern ihn wieder recht in Übung zu bringen.

Drei große Mißbräuche sind in den Gottesdienst hineingeraten: Der erste, daß man Gottes Wort zum Schweigen gebracht und es lediglich gelesen und gesungen hat in der Kirche; das ist der schlimmste Mißbrauch. Der zweite: Da Gottes Wort zum Schweigen gebracht worden ist, sind so viele unchristliche Fabeln und Lügen in Legenden, Gesängen und Predigten nebenein gekommen, daß es greulich anzusehen ist. Der dritte: Daß man solche Gottesdienste als ein Werk getan hat, um damit Gottes Gnade und Seligkeit zu erwerben; da ist der Glaube untergegangen, und jedermann hat etwas für Kirchen geben und stiften, Pfaffe, Mönch und Nonne werden wollen.

Um nun diese Mißbräuche abzutun, ist zuerst zu wissen, daß die christliche Gemeinde niemals zusammenkommen soll, wenn nicht daselbst Gottes Wort gepredigt und gebetet wird, sei es auch aufs kürzeste; wie Psalm 102: „Wenn die Könige und das Volk zusammenkommt, Gott zu dienen, sollen sie Gottes Namen und Lob verkündigen.“ und Paulus 1. Kor. spricht, daß in der Gemeinde soll geweissagt, gelehrt und ermahnt werden. Darum, wenn nicht Gottes Wort gepredigt wird, ist’s besser, daß man weder singe noch lese noch zusammenkomme.

So ist’s aber zugegangen unter den Christen zur Zeit der Apostel und sollte auch noch so zugehen, daß man täglich des Morgens eine Stunde, früh um vier oder fünf, zusammenkäme und daselbst lesen ließe, seien es Schüler oder Priester oder wer es sei, gleichwie man jetzt noch die Lektion in der Mette liest. Das sollen einer oder zwei tun oder einer um den anderen oder ein Chor um den anderen, wie sich das am besten ergibt.

Danch soll der Prediger, oder wem es aufgetragen ist, vortreten und dieselbe Lektion ein Stück weit auslegen, daß es die anderen alle verstehen, lernen und ermahnt werden. Das erste Werk nennt Paulus 1. Kor. 14 mit Zungen reden, das andere auslegen oder weissagen und mit dem Sinn oder Verstand reden. Und wenn dies nicht geschieht, so ist die Gemeinde durch die Lektion in nichts gebessert, wie bisher in Klöstern und Stiften geschehen ist, wo sie nur die Wände angeblökt haben.

Diese Lektion soll aber aus dem Alten Testament sein, nämlich so, daß man sich ein Buch vornehme und ein oder zwei Kapitel oder ein halbes lese, bis es zu Ende ist; danach ein anderes vornehme und so weiter, bis die ganze Bibel zu Ende gelesen ist. Und wenn man sie nicht versteht, soll man darüber hinweggehen und Gott die Ehre geben. So sollen durch tägliche Beschäftigung mit der Schrift die Christen in der Schrift verständig, bewandert und kundig werden; denn dadurch entstanden vorzeiten sehr feine Christen, Jungfrauen und Märtyrer, und sollten wohl auch noch entstehen.

Wenn nun die Lektion und die Auslegung eine halbe Stunde oder länger gedauert haben, soll man danach miteinander Gott danken, loben und bitten um Frucht des Wortes usw. Dazu soll man Psalmen, etliche gute Responsorien, Antiphonen verwenden – kurz, derart, daß es alles in einer Stunde ausgerichtet werde, oder wie lange sie wollen. Denn man darf die Seelen nicht überhäufen, damit sie nicht müde und überdrüssig werden, wie sie sich bisher in Klöstern und Stiften mit Eselsarbeit beladen hatten.

Desselbengleichen soll man am Abend um sechs oder fünf wieder ebenso zusammenkommen. Und hier sollte abermals aus dem Alten Testament ein Buch nach dem anderen vorgenommen werden, nämlich die Propheten, so wie am Morgen Mose und die Geschichtsbücher. Aber weil nun das Neue Testament auch ein Buch ist, lasse ich das Alte Testament dem Morgen und das Neue dem Abend oder umgekehrt und ebenso lesen, auslegen, loben, singen und beten wie am Morgen, auch eine Stunde lang. Denn es ist alles um Gottes Wort zu tun, daß es in Übung bleibe und die Seelen wieder aufrichte und erquicke, daß sie nicht müde werden.

Will man nun eine solche Versammlung am Tag noch einmal nach dem Essen halten, so soll das in freiem Ermessen stehen.

Auch wenn bei solchem täglichen Gottesdienst vielleicht nicht die ganze Gemeinde anwesend sein kann, sollen doch die Priester und Schüler und vor allem diejenigen, von denen man hofft, daß gute Prediger und Seelsorger aus ihnen werden, solches tun, und man soll sie ermahnen, es freiwillig, nicht aus Zwang oder mit Unlust, nicht um zeitlichen und ewigen Lohn zu tun, sondern allein Gott zur Erhe und den Nächsten zum Nutzen.

Sonntags aber soll eine solche Versammlung für die ganze Gemeinde stattfinden, über das tägliche Versammeln des kleineren Haufens hinaus, und daselbst sollen, wie bisher geschehen, Messe und Vesper gehalten werden, so daß man zu beiden Seiten der ganzen Gemeinde predige, morgens das übliche Evangelium, abends die Epistel; oder es stehe bei dem Priester, ob er sich ein Buch oder zwei vornehme, wie es ihm das Nützlichste zu sein dünkt. Will nun jemand danach das Sakrament empfangen, dem lasse man es geben, so wie man das alles miteinander entsprechend der Zeit und der Person ausrichten kann.

Die täglichen Messen sollen auf jeden Fall abgetan sein, weil am Wort und nicht an der Messe gelegen ist. Doch wenn etliche außer am Sonntag das Sakrament begehren, so halte man Messe, wie es die Andacht und die Zeit ergibt; denn hier kann man kein Gesetz noch Ziel aufstellen.

Die Gesänge (das Gesang) in den Sonntagsmessen und -vespern lasse man bestehen bleiben, denn sie sind sehr gut und aus der Schrift entnommen; doch kann man sie verringern oder vermehren. Aber die Gesänge und die Psalmen täglich morgens und abends festzulegen, soll des Pfarrers und Predigers Amt sein, daß sie für jeglichen Morgen einen Psalm, ein schönes Responsorium oder eine Antiphon mit einem Kollektengebet bestimmen, und abends ebenso, die nach der Lektion und Auslegung vernehmlich zu lesen und zu singen sind. Aber die Antiphonen und Responsorien und Kollektengebete, die sich auf Legenden von den Heiligen und vom Kreuz beziehen, lasse mann noch eine Zeitlang ruhen, bis sie gereinigt (orig: gefegt) werden; denn es ist greulich viel Unflat darin.

Alle Heiligenfeste sollten abgetan werden oder, wenn es eine gute christliche Legende dafür gibt, sollte sie am Sonntag nach dem Evangelium als Beispiel mit eingeführt werden. Doch das Fest Mariä Reinigung, Mariä Verkündigung würde ich bestehen lassen; Mariä Himmelfahrt und Mariä Geburt muß man noch eine Zeitlang bestehen lassen, obwohl der Gesang dabei nicht rein ist. Das Fest Johannes des Täufers ist auch rein. Von den Legenden der Apostel ist keine rein außer der von St. Paulus; darum kann man sie auf die Sonntage verlegen oder, wenn es beliebt, gestondert feiern.

Anderes mehr wird sich mit der Zeit von selbst ergeben, wenn es sich machen läßt. Aber die summa soll sein, daß gewiß alles geschehe, damit das Wort recht in Schwang kommt und nicht wieder ein Plärren und Lärmen (orig: loren und dohnen) daraus werde, wie es bisher gewesen ist. Es ist alles besser unterlassen als das Wort, und es ist nichts besser getrieben als das Wort. Denn daß dieses unter den Christen in rechter Übung sein sollte, zeigt die ganze Schrift an, und Christus sagt auch selber Luk. 10: „Eins ist vonnöten“, nämlich daß Maria zu Christi Füßen sitze und höre sein Wort täglich; das ist das beste Teil, das zu erwählen ist und nimmer weggenommen wird. Es ist ein ewiges Wort; das andere muß alles vergehen, wieviel es auch der Martha zu schaffen gibt. Dazu helfe uns Gott. Amen.

scans (Wittenberg M.D.xxiii.)